Der Berg dampft – Am Vulkan Santiaguito

Es sollte eine Expedition werden, nicht bloß eine Wanderung. Zwei Tage würden wir in unwegsamem Gelände unterwegs sein, um aus nächster Nähe die Eruptionen des Vulkans Santiaguito zu beobachten. Eine Extremtour wurde mir angekündigt. Zwölf Stunden würden wir bis zum Zeltplatz marschieren, 18 Kilogramm Ausrüstung sollte ich schleppen. Kein Wunder, dass ich der einzige Tourist war, der diese Tour buchen wollte.

Ich musste also einen Führer für mich allein bezahlen und verhandelte mit der Trekking-Agentur. Wir einigten uns auf 800 Quetzal (76 Euro) inklusive Leih-Ausrüstung – Kocher, Zelt, Isomatte und Schlafsack. Lebensmittel für mich und den Guide musste ich selbst einkaufen.

Ein bisschen merkwürdig erschien mir, dass sich die Angaben im Laufe des Gesprächs immer wieder änderten. Einmal war von zwölf Stunden Wanderung die Rede, ein anderes Mal von zehn. Auf dem Zettel, den man mir mitgab, war die Wanderzeit auf acht Stunden beziffert. Mal hieß es, wir müssten um fünf Uhr morgens aufbrechen, damit wir vor Sonnenuntergang noch den Zeltplatz erreichen könnten. Später sagte mir der Mann von der Agentur, ich sollte am nächsten Morgen um 8 Uhr im Büro erscheinen, das reiche auch.

Ich kam also um acht in die Agentur, brachte zwölf Liter Trinkwasser und Lebensmittel für zwei Tage mit – Brot, Tortillas, Bohnen, eine Avocado, Pasta, Gemüse, Schinken, Marmelade, Schokolade, Kaffee, zwei Tütensuppen und ein paar Müsliriegel. Mein Führer war 23 und gut gelaunt. Edgar war am Fuße des Vulkans Santa Maria aufgewachsen. Er kannte die Gegend und den Weg zum Santiaguito seit seiner Kindheit, arbeitete als Bauer und verdiente durch die Trekking-Touren dazu. Seit einiger Zeit kamen aber nur noch wenige Touristen. Edgar war froh, wieder Arbeit zu haben.

Wir fuhren eine halbe Stunde mit dem Bus aus Quetzaltenango raus und teilten das Gepäck unter uns auf. Dann liefen wir anderthalb Stunden bis zu einem Aussichtspunkt, von dem man den Vulkan Santiaguito aus der Ferne beobachten konnte. Könnte! Wenn da nicht der Nebel wäre. Heute war kaum etwas zu sehen.

An diesem Aussichtspunkt kehren die meisten Touristen um, nachdem sie ein paar Fotos geschossen haben. Wir gingen weiter. Edgar zeigte mir einen schmalen Pfad, der sich durch dichtes Gestrüpp in ein Tal hinunter schlängelte. Dieser Pfad war für Guatemaltecos gemacht, aber nicht für mich. Ständig blieb ich mit meinem Rucksack irgendwo hängen. Ich musste dann im Entengang unter Ästen hindurch bergab watscheln. Der Pfad mündete in ein trockenes Bachbett, und Edgar versteckte hier zwei Liter Wasser für den Rückweg.

Wir folgten dem Bachbett, und das wurde eine rutschige Angelegenheit. Denn der Vulkanstaub hatte sich auf die Steine gelegt und wirkte wie Schmiermittel. Als wir nach anderthalb Stunden im Tal ankamen, tat sich ein Felsenmeer vor uns auf. Es wird Playa (Strand) genannt.

Der letzte Teil der Tour führte uns auf einen Sattel hinauf. Nebel lag in der Luft, und die Landschaft hatte etwas Gespenstisches. Alles war mit Staub bedeckt. Wir liefen über erkaltete Lava, unter der sich Hohlräume gebildet hatten. Mit jedem Schritt hallte es. Aus kleinen Erdlöchern stieg heißer Dampf.

Schon nach fünf Stunden – alle Pausen und ein Mittagsschläfchen eingeschlossen – erreichten wir den Platz für unser Nachtlager. Wir stellten das Zelt auf, und Edgar legte noch eine zusätzliche Plane darüber. Ich verstand zunächst nicht warum. Aber es war eine gute Idee. Denn es fing bald zu regnen an. Der Regen war schwarz wie Asche.

Draußen lag noch immer alles im Nebel. Wir konnten die Explosionen des Santiaguito hören, aber wir sahen nichts. Gegen 17 Uhr, sagte Edgar, würde es wahrscheinlich aufklaren, und wir könnten womöglich den Sonnenuntergang über dem Pazifik sehen. Er legte sich ins Zelt und schlief sofort ein. Ich lag auf meiner Isomatte, hoffte auf bessere Sicht und langweilte mich. Zu lesen hatte ich nichts dabei – ich hatte ja damit gerechnet, nach zwölf Stunden Wanderung erschöpft in meinen Schlafsack zu kriechen. Neben mir fing Edgar an zu schnarchen.

Es wurde 17 Uhr, und der Nebel war immer noch nicht verschwunden. Es wurde 18 Uhr, und wir kochten Pasta. Edgar hatte einen großen Gaskocher aus Metall hier hinaufgeschleppt. Das Ding war schwer, aber praktisch zu bedienen. Wir saßen im Zelt und löffelten Nudeln aus einer aufgeschnittenen Plastikflasche. Erst in der Nacht klarte der Nebel ein bisschen auf – endlich.

Etwa einmal in der Stunde gab es eine Eruption, und Flammen zischten in den Nachthimmel. Santiaguito spuckte Feuer, glühende Lavabrocken donnerten den Berg hinunter. Dann stieg schnell eine Rauchwolke auf, die noch dunkler war als die Nacht. Der Wind trieb sie über uns hinweg, und bald regnete die Asche herab. Hier tat sich die Erde auf, und wir wurden zu Zeugen. Ich war ergriffen.

Am Morgen kroch ich gegen halb fünf aus dem Schlafsack und stieg noch etwa zwanzig Meter höher zu einem Aussichtspunkt. Jetzt waren alle Wolken verschwunden. Über mir strahlte die Milchstraße, unten leuchteten die Städte an der Pazifikküste, und auf Augenhöhe rauchte Santiaguito. Es war ein magischer Ort.

Der Rückweg in die Zivilisation dauerte wieder fünf Stunden. Edgar und ich sahen wie gepudert aus. Vulkanstaub hatte sich mittlerweile in jede Ritze der Ausrüstung gesetzt. Es dauerte fast den ganzen nächsten Tag, bis ich alles gewaschen und gesäubert hatte. Das ist der Preis für die Bekanntschaft mit Santiaguito, einem der zehn aktivsten Vulkane der Erde.

Tipps für Eure Wanderung

  • Die Tour zum Santiaguito habe ich mit Altiplano’s arrangiert, aber fast jede Trekking-Agtentur in Quetzaltenango (Xela) bietet sie an. Allerdings ist die Nachfrage gering. Alle diese Wanderungen führen zu einem Zeltplatz mit guter Sicht auf den Vulkan und mit genügend Sicherheitsabstand. Einige wenige Guides führen Gruppen bis an den Kraterrand, was natürlich gefährlicher ist. Meinen Führer Edgar Lopez könnt Ihr auch direkt erreichen unter der Telefonnummer +502 4463 2502.
  • Lasst Euch keine zu dünne Isomatte andrehen. 12 Millimeter sollte sie schon haben, sonst könnte es eine kalte Nacht werden. Die Temperatur kann im Februar bis auf null Grad sinken.
  • Schnallt die Isomatte längs auf Euren Rucksack, sonst bleibt Ihr immer wieder im Gestrüpp hängen, und die Matte wird von den Ästen aufgerissen.
  • Wanderschuhe oder stabile Turnschuhe mit griffiger Sohle sind Pflicht. Alles andere wäre für die Tour zum Santiaguito leichtsinnig.
  • Praktisch alle Leihschlafsäcke sind von schlechter Qualität – sperrig und schwer, aber nicht wirklich warm. Am besten bringt Ihr Euren eigenen Schlafsack mit oder zumindest ein Inlett für die Hygiene.
  • Schützt Eure Kamera vor der Asche und dem Staub – zum Beispiel mit Plastiktüten und Klebeband.
  • Die Wanderung zum Santiaguito gehört vermutlich zu den sichersten Touren, was Überfälle anbelangt. Es gibt hier zu wenige Touristen, als dass sich das Räuber-Business lohnen würde. Außerdem scheuen Banditen den anstrengenden Weg. Aber die ersten anderthalb bis zwei Stunden trekkt Ihr am Vulkan Santa Maria. Dort – wenngleich weiter oben, nahe dem Gipfel – wurde eine Woche vor meiner Tour eine Touristengruppe ausgeraubt. Wie immer gilt: wenig Geld mitnehmen!