Drei Monate, sieben Länder, eine Bilanz

Auf Ometepe, Nicaragua

In Mittelamerika kann man in der Dusche einen Stromschlag bekommen oder vom Essen eine Amöbeninfektion. Man kann sich nachts um halb fünf im Bad seines Hostels wiederfinden, wie man einen offenen Wasserrohrbruch zu verschließen versucht. Man lernt aber auch wunderbare Natur und herzliche Menschen kennen. Versuch einer Bilanz nach 101 Reisetagen.

Wir sind wieder zurück in Deutschland, wo die Busse nach Plan fahren und die Taxis mit Taxameter. Wo die Geschäfte am Sonntag geschlossen sind und über Preise nicht verhandelt wird. Wo die Menschen sich gern in ihre Wohnungen zurückziehen wie in einen Kokon. Wo jedenfalls keiner auf die Idee käme, sich abends auf einen Stuhl an die Straße zu setzen und mit den Nachbarn zu plaudern, wie wir es oft in Mittelamerika gesehen haben, sogar in Großstädten. Deutschland fühlt sich komisch an nach fast dreieinhalb Monaten in einer anderen Welt.

Unsere Reise durch diese Welt hatte in Nicaragua begonnen. Dort gefiel es uns von allen besuchten Ländern am besten: Die meisten Menschen waren freundlich und hilfsbereit, das Reisen war unkompliziert und günstig. Wahrscheinlich auch deshalb, weil sich das unter Touristen noch nicht herumgesprochen hat.

Wir glauben, dass wir uns damals richtig entschieden haben, nicht mit den klimatisierten Luxus-Überlandbussen zu reisen, die die meisten Touristen schon Tage im voraus buchen, sondern mit lokalen Bussen, den sogenannten Chicken Buses. So lernten wir die Länder und ihre Menschen viel besser kennen.

In Honduras machte ich auch Bekanntschaft mit dem hiesigen Stromnetz. Im Hotel Rivera in Choluteca gab es einen elektrischen Duschkopf, wie in vielen Hotels in Zentralamerika. Aber dieser war auch noch falsch angeschlossen. Die Metallstange, die ihn hielt, war auf Kopfhöhe angebracht, und ich bin heilfroh, dass ich sie beim Versuch, mir etwas mehr Kopffreiheit zu verschaffen, nur mit der Hand berührte. 110 Volt durchzuckten meinen Körper. Seitdem habe ich einen Mordsrespekt vor diesen Duschköpfen.

Die Fähre “Ché Guevara” legt ab

El Salvador war für uns die zweite Entdeckung neben Nicaragua, und ich rede nicht von San Salvador, aus dem wir schnell wieder flohen. Hauptstädte haben wir generell gemieden, wenn es eben ging – sie sind meistens teuer, laut, dreckig und unpersönlich. Ich rede von der Ruta de Las Flores, einem 36 Kilometer langen Abschnitt der Panamericana im Westen El Salvadors, der durch charmante kleine Städte führt. Hier gibt es aufgeschlossene Menschen, gutes Essen und nette Cafés. Wenn sich irgendwann mehr internationale Touristen nach El Salvador wagen, dann wird die Ruta de Las Flores als erstes blühen.

In Guatemala haben wir insgesamt fast vier Wochen verbracht, weil wir uns an einer der vielen Spanisch-Schulen in San Pedro La Laguna eingeschrieben haben. San Pedro liegt am Lago de Atitlán auf gut 1500 Metern und ist zu einem beliebten Ziel von Aussteigern aus dem reichen Norden geworden. Man trifft hier mehr Hippies als anderswo in Guatemala. Angeblich haben sich die Hotels in Antigua einst abgesprochen und die Preise erhöht, um die Hippies loszuwerden, die dort herumlungerten. Die seien dann, erzählte mir mein Spanisch-Lehrer, nach San Pedro gekommen. Da hocken sie jetzt am Straßenrand, verkaufen selbstgebastelten Modeschmuck und machen den Einheimischen Konkurrenz, die mit dem Verkauf von Souvenirs ihre Familien ernähren wollen.

In Guatemala haben uns auch ein paar fiese kleine Viecher zu schaffen gemacht: Amöben. Ich bekam im Abstand von zwei Wochen zwei Mal Fieber und Durchfall. Die Ärztin sagte mir, dass solche Infektionen in Guatemala oft vorkämen und selbst die Einheimischen alle paar Monate Medikamente dagegen nähmen. Sie verschrieb mir das Amöbengift Amebil. Zwei Mal zwei Tabletten im Abstand von zwölf Stunden bereiteten meinen aufdringlichen Begleitern ein – hoffentlich qualvolles – Ende. Am Tag, als ich das Medikament aus der Apotheke holen wollte, hatte auch Yun plötzlich 38 Grad Fieber. Ich kaufte gleich zwei Packungen.

Hinter der Grenze nach Mexiko wurde alles anders. Mit einem Schlag. Die Straßenränder waren sauberer, die Straßen besser, die Entfernungen größer. Es gab Supermärkte mit aufgeräumten Regalen, die Bäume in den Parks waren akkurat gestutzt, wir sahen – zum ersten Mal seit Monaten – einen Gartenmarkt. In den Straßen von San Cristobal fuhren mehr Autos, vor allem Kleinwagen. Die Frauen trugen Jeans oder Kleider, nur selten sahen wir noch welche in Maya-Tracht. Diese Stadt erschien mir wie ein Vorposten der Mittelschicht – hier lebten Menschen, die genug Geld verdienten, um einen VW zu fahren und im Gartenmarkt einzukaufen. An der Grenze von Guatemala zu Mexiko wird einem vor Augen geführt, was der Unterschied zwischen einem Entwicklungs- und einem Schwellenland ist.

Von Cancun flogen wir nach Panama. In Miami verpassten wir beinahe den Anschlussflug. Die Uhr musste eine Stunde vorgestellt werden, was uns natürlich entgangen war, und als mein Name über Lautsprecher ausgerufen wurde, wunderte ich mich noch immer, warum die eine Stunde vor Abflug schon so einen Stress machten. Der Flieger wartete, wofür wir American Airlines noch immer dankbar sind. Allerdings warf uns dieselbe Fluggesellschaft bei der Ankunft in Panama zwei durch eine ölige schwarze Flüssigkeit verdreckte Rucksäcke vor die Füße.

Vulkan “Conceptión” im Lake Nicaragua

In unserem Hostel in Panama City bekamen wir dann eine Kostprobe der Professionalität panamaischer Handwerker. Das Badezimmer war kurz zuvor renoviert worden. In der Nacht, gegen halb fünf Uhr morgens, ging ich ins Bad und hörte Wasser laufen, ganz leise bloß, aber doch vernehmbar. Es gab einen Hahn an der Wand, gleich neben der Toilette, dessen Funktion sich mir nicht ganz erschloss. Erst später erfuhr ich, dass er gar keine hatte. Es handelte sich bloß um einen Rohrverschluss. In der Hoffnung, den Wasserfluss stoppen zu können, drehte ich an dem Hahn – und hielt ihn plötzlich in der Hand. Ein fester Wasserstrahl flutete das Badezimmer. Ich stemmte einen Fuß gegen die gegenüberliegende Wand und presste den Hahn auf das offene Rohr. Das half ein bisschen, aber es stoppte den Wasserschwall nicht. Bis die Besitzerin des Hostels den Haupthahn abgedreht hatte, war das Wasser längst aus dem Bad in unser Zimmer gelaufen. Zum Glück war es Frischwasser!

Ich weiß wirklich nicht, warum so viele Touristen von Panama schwärmen. Die Schleuse Miraflores, eine Hauptattraktion des Panama-Kanals, kann nur den erstaunen, der noch nie am Nord-Ostsee-Kanal gestanden und aus nächster Nähe Containerschiffe beobachtet hat. Die Karibik-Insel Colón mit dem Städtchen Bocas del Toro, angeblich ein weiteres Highlight, war vermüllt, dreckig und teuer. Ein Haufen rostigen Altmetalls, hier Rental Bike genannt, sollte pro halbem Tag zwischen zehn und zwölf Dollar Miete kosten. Für diesen Preis hätte man ein Fahrrad dieser fragwürdigen Qualität in Deutschland kaufen können. Und in der Altstadt von Panama City wird die Kugel Eis zu 2,75 Dollar gehandelt. Nichts für long-term budget travellers.

Costa Rica war ähnlich teuer. Was wir sahen, war schön, aber auch nicht schöner als andere Länder in Zentralamerika. Dafür ist Costa Rica touristisch schon überlaufen. Vielleicht hätten wir hier mehr Zeit verbringen, dem Land noch eine Chance geben sollen. Aber nach einer Woche an der Karibikküste hatten wir genug – und wollten zurück nach Nicaragua. Wir reisten als einzige Touristen in einem Bus voller Gastarbeiter zur Grenze und setzten von San Jorge mit der Fähre auf die Vulkaninsel Ometepe über. Hier fuhren wir mit dem Roller herum, badeten im klaren Quellwasser von Ojo de Agua und schauten von der Hafenmohle aus zu, wie die Sonne hinter den Horizont plumpste. In Nicaragua fühlten wir uns wohl.

Man kann als Tourist dazu verführt werden, die Dritte Welt, die man ja nur bereist, zu idealisieren – als einen Ort, an dem das Leben so viel lockerer, fröhlicher und irgendwie noch „unverdorben“ ist. Aber das wäre eine Illusion, man muss nur genau hinsehen. Zum Beispiel beim Weihnachtsfest in Nicaragua, bei dem es keine Geschenke gab. Oder bei unseren Gasteltern in Guatemala, die jeden Tag von früh bis spät und gleich in mehreren Jobs arbeiten mussten. Oder beim Familienvater auf Roatán, Honduras, der nicht mehr wusste, wie er seine Familie ernähren sollte. Man muss nicht einmal in die Slums der Großstädte fahren, um den täglichen Kampf der Menschen für einen bescheidenen Wohlstand zu beobachten.

Zentralamerika als Reiseziel können wir jedem nur ans Herz legen. Wir kamen mit vielen guten Erlebnissen zurück nach Deutschland, wo die Duschen sicher und die Rohre dicht sind. Wo das Essen unbedenklich und das Leben vorhersehbar ist. Und ein bisschen langweiliger ist es hier auch.