Haltet Schlammloch sauber!

West End auf Roatán ist ein Taucherparadies, aber wenn man nicht tauchen kann, geht einem der Ort schnell auf die Nerven. Am fünften Tag unter Wasser merkte ich, dass etwas mit meinen Ohren nicht stimmte. Ich konnte den Druck nicht mehr ausgleichen. Der Taucharzt der Insel residierte nur einen kurzen Taxitrip entfernt. Er sah in meine Ohren – und sah nichts Gutes. Sie waren entzündet. Ich sollte eine Woche lang nicht tauchen. Mindestens. Das war’s dann erst mal mit den Unterwasser-Abenteuern.

Mein Rückflug nach Managua war auf den 17. Dezember datiert und ließ sich nicht mehr umbuchen. Also besuchte ich in den folgenden Tagen sämtliche Cafés in West End und wanderte an einem ziemlich zugemüllten Strand entlang nach West Bay, wo Kreuzfahrt-Touristen in Scharen einfielen, wenn ihr Luxusliner auf der Insel festgemacht hatte. Nach drei Tagen in Strandbars und Straßencafés hatte ich die Nase voll von dem Trubel. Ich sehnte mich nach einem Ort auf dieser Insel, der noch nicht touristisch erschlossen war. Meine Augen wanderten über die Landkarte und fanden – Mud Hole. Wer kommt auf die Idee, einen Ort Schlammloch zu nennen? 

Mud Hole lag im Norden von Roatán. Ich fragte jeden, den ich traf, was mich erwarten würde, wenn ich nach Mud Hole käme. Die Leiterin der Tauchbasis, die seit vielen Jahren auf Roatán lebte, hatte von dem Ort noch nie gehört. Ich breitete meine Landkarte aus und zeigte auf diesen unscheinbaren blauen Punkt, aber auch das half ihr nicht auf die Sprünge. Ich fragte meine Wirtin und bekam zur Antwort: „Da gibt es nichts.“ Aber es sei doch ein Ort, hakte ich nach. Sie sagte: „Es gibt da nichts, was Du sehen möchtest.“

Bei der Touristeninformation erhielt ich immerhin die Auskunft, dass sich in Mud Hole eine Mülldeponie befinde. Und Google verriet mir, dass keine asphaltierte Straße dorthin führte, sondern eine Piste, die dem Ortsnamen alle Ehre machen sollte. Am letzten Tag meines Aufenthalts auf Roatán machte ich mich auf den Weg nach Schlammloch.

Ich stoppte einen Minibus und sprang auf. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Fahrer klar machen konnte, dass ich an der Kreuzung aussteigen wollte, an der die asphaltierte Straße nach Süden knickt und die Piste nach Mud Hole beginnt. Der Fahrer schaute mich irritiert an. Kurz darauf kamen ihm offenbar Zweifel, er stoppte und bat einen jungen Mann am Straßenrand, ins Englische zu übersetzen. Die beiden fragten mich, ob ich nicht lieber nach French Harbour wolle. Ich winkte ab.

Es hatte lange nicht geregnet, und die Piste nach Mud Hole war viel trockener als erwartet. Sie umkurvte ein paar kleinere Schlammlöcher, aber das eigentliche Problem war heute die Trockenheit. Zwei schnelle Pick-ups kamen mir entgegen und zogen eine lange Staubfahne hinter sich her. Der Sand rieb wie feinkörniges Schmirgelpapier an meinen Zähnen. Auf der Piste machte sich ein Fliegenschwarm über einen plattgefahrenen Krebs her. Ein beißender Gestank übernahm die Kontrolle über meine Nase.

Schon nach wenigen Metern kam der Müllberg in Sicht. Er lag auf einem riesigen ummauerten Gelände. Zwischen Autoreifen, Plastik und Lumpen stocherten Menschen im Abfall und suchten heraus, was sich verwerten ließ. Manche hatten sich Unterstände aufgebaut, die sie gegen die Sonne schützen sollten. Einer hatte eine gammelige Matratze auf zwei Stöcke gestützt. Auch Kinder und Hunde liefen auf dem Müllberg herum.

Als ich das Gelände betrat, umschwirrten mich sofort unzählige Insekten. Ich presste meine Lippen zusammen und näherte mich dem Abfallberg auf ein paar Meter. Dann musste ich umdrehen. Es stank so gewaltig, das ich beinahe kotzen musste. Ein kleiner schwarzer Hund, der nur noch ein Ohr hatte, humpelte auf mich zu und schaute mich an, als wolle er sagen: Du hast dich wohl verlaufen.

Gegenüber der Mülldeponie, auf der anderen Seite der Piste, standen vor und zwischen mehreren bewohnten Hütten große Säcke mit Plastikflaschen und Metall. Die Familien hier lebten davon, Wertstoffe aus dem Abfall herauszulesen. Sie werden nach San Pedro Sula gebracht, einer großen Stadt auf dem honduranischen Festland.

Ich lief weiter die Piste hinunter und erreichte nach einer Viertelstunde den Ortskern von Mud Hole. Es war Sonntag, und in der Kirche wurde ein Gottesdienst gefeiert. Davor parkten zwei Pick-ups und ein Minibus. Etwas weiter stand eine Holzstiege an der Straße, die vor Müll überquoll. Auf dem blauen Holz war in schwarzer Schrift geschrieben: „Keep Mud Hole clean“.

Die Häuser lagen verstreut nebeneinander, und es war kein Schema auszumachen, dem sich das alles unterordnete. Menschen waren nur wenige zu sehen. Zwei zimmerten an einem Häuschen herum. Am Ortsausgang, als ich schon nichts mehr erwartete, wurde ich von einem Schild überrascht: „Upachaya – Eco-Lodge and Wellness Retreat“. Ich traute meinen Augen nicht. Zu sehen waren nur ein paar ärmliche Hütten im Wald.

Ich lief dem Wegweiser nach die abzweigende Piste entlang und erreichte nach kurzer Zeit ein sehr gepflegtes Holzhaus. Auf einer Leine hing frische weiße Wäsche. Das Haus war hübscher als alle anderen, die ich heute gesehen hatte und trug eine kleine, unauffällige Plakette mit der Aufschrift „Protected by Bulldog Security International“. Auf der anderen Seite führte eine Holztreppe den Hang hinunter, und da niemand zu sehen war, stieg ich hinab.

Ich kam an einem Pool mit Poolbar vorbei. Die Liegen standen sauber aufgereiht nebeneinander. Die Treppe war ziemlich lang und führte zu einer weiteren, kleineren Holzhütte. „Welcome to Upachaya“ stand dort, und: „Rosario on duty“. Aber von Rosario fehlte jede Spur.

Die Treppe ging in einen Steg über, der einen Mangrovenwald durchquerte. Hier und da gab es kleine Tafeln, die Pflanzen oder Tiere erklärten. An einer Bucht mündete der Steg in einen Bootsanlegeplatz, über dem eine Holzterrasse thronte. An einem der Pfeiler lehnte Rosario und erklärte mir, dass die sechs Gäste der Lodge gerade zum Schnorcheln ausgefahren seien. Ich sah mich um und bemerkte, wie wunderschön und still die Bucht war. Kein anderes Haus war zu sehen. Rosario mixte mir eine Piña Colada.

Ich saß eine Weile in dieser Idylle herum und genoss die Ruhe. Dann traf ich die Besitzerin des Resorts. Barbara war eine Amerikanerin aus Wisconsin, und in jedem Satz, den sie sagte, spürte ich ihre Begeisterung für diese Lodge. Vor vier Jahren hat sie das Grundstück gekauft und mit dem Bau begonnen. In einer großen Hütte mit Schilfdach gibt sie Yogakurse und serviert vegetarisches Essen. Heute gab es Möhrensalat und etwas, das ich als nussige Pasta beschreiben würde. Aber dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Es schmeckte jedenfalls köstlich.

Ich fragte Barbara, ob es nicht schwierig sei, Gäste nach Mud Hole zu holen, und sie erzählte mir, dass es Bestrebungen gebe, den Ort umzubenennen. Später sah ich auf ihrer Visitenkarte, dass sie das längst vorweggenommen hat. Dort steht als Ortsangabe Man O’War Harbour. Wer will schon in Schlammloch Urlaub machen?

1 Comment

  1. Linda King

    …interessant zu lesen!! Ja, Lateinamerika ist immer für Überraschungen offen… Gerade das macht es ja auch aus, dorthin zu fliegen.