Im Chicken Bus nach San Salvador

Manchmal ist Mittelamerika zum Verzweifeln. Etwas zu organisieren, kann hier sehr kompliziert sein. Viel komplizierter, als es nötig wäre. Eine Busreise von Nicaragua nach El Salvador zum Beispiel kann man nicht einfach online buchen – die Website gibt es zwar, aber sie ist seit Jahren “en construcción”, eine Baustelle. Man muss mit dem Taxi zu einem Büro fahren und dort vorsprechen. Und wenn man den Weg durch die ganze Stadt gemacht hat, stellt man fest, dass dieses Büro um 16.32 Uhr schon geschlossen ist. Wir trafen deshalb heute eine Entscheidung, die unsere ganze weitere Reise beeinflussen wird. Und das kam so.

Wir wollten von Nicaragua nach Guatemala reisen, um Spanisch zu lernen. Nirgendwo in Zentralamerika sind die Kurse so günstig wie dort. Eine Woche one-on-one Sprachkurs mit Unterkunft und Mahlzeiten bei einer Gastfamilie kostet weniger als zweihundert Dollar. Also wollten wir einen Überlandbus der bekannten Firma Tica-Bus nach San Salvador reservieren (elf Stunden), dort ein paar Tage bleiben und dann weiter nach Guatemala-City. Nachdem der erste Versuch in Granada an der Öffnungszeit des Tica-Bus-Büros gescheitert war, fuhren wir nach Managua und stellten uns dort in die Schlange. Wir warteten eine halbe Stunde – um mitgeteilt zu bekommen, dass für die nächsten vier Tage alle Plätze ausgebucht seien. Oops!

Die Aussicht, noch vier Tage in Managua zu verbringen, törnte uns ab. Wir fragten bei der Konkurrenz, bei Transporte del Sol und King Quality, aber nirgends gab es freie Plätze.  Diese Recherche kostete uns bestimmt zwei Stunden. Wir hatten die Nase voll und beschlossen, von nun an nur noch mit lokalen Bussen zu reisen, von Ort zu Ort. Wir wollten spontan sein, wollten bleiben, wo es uns gefällt und weiterreisen, wenn uns danach zumute war. Wir wollten keine Reservierungen mehr machen, nicht für Busse, nicht für Hotels oder sonst was.

Die lokalen Busse fahren hier so oft wie in Frankfurt die U-Bahn. Man geht zum Terminal und steigt ein. Meistens geht es dann binnen Minuten los. Bezahlt wird unterwegs, und die Busse sind unglaublich günstig. Dafür brauchen sie lange, halten an jedem Hundehaufen und sind oft vollgepackt. Weil die Fahrgäste alles Mögliche transportieren, haben die Busse bei Travelern den Namen “Chicken Bus” bekommen.  Aber Hühner haben wir unterwegs nie gesehen.

Die Busse werden so lange gefahren, bis sie auseinander fallen, und so sehen sie auch aus. Sie haben unbequeme, enge Sitzbänke und blasen schwarze Rußwolken in den Himmel. Und obwohl die Motoren beim Anfahren kraftvoll röhren, können die meisten Busse Berge nur hinauf schleichen. Manche Fahrer haben ihre Wagen liebevoll dekoriert, mit Sprüchen wie “Jesus ist mein Hirte” oder “Jesus ist die Lösung Deiner Probleme”. Unterwegs läuft immer Musik, meistens Bachata, oft Donde Estan Esos Amigos (Youtube) von El Chaval.

Unsere Reiseroute von Managua nach San Salvador: Taxi zum Bus-Terminal (120 Cordóba) - Expreso (Express-Bus) nach Matagalpa (ein kurzer Umweg, aber Matagalpa wollten wir noch kennen lernen; 72 Cordóba) - Bus nach Estelí (60 Cordóba) - Bus nach Somoto (48 Cordóba) - Taxi bis zur honduranischen Grenze (200 Cordóba) - Minibus nach San Marcos (34 Lempira) - Bus nach Choluteca (60 Lempira) - Bus nach El Amatillo (Grenze zu El Salvador; 6 Dollar) - Bus nach Santa Rosa (2,80 Dollar) - Bus nach San Miguel (2,20 Dollar) - Bus nach San Salvador (10 Dollar)

Die ganze Fahrt kostete jeden von uns knapp über 17 Euro. Wir waren vier Tage unterwegs (obwohl wir die Strecke auch in zwei Tagen hätten fahren können) und mussten zehn Mal umsteigen. Wir stürzten uns ins Gedrängel und quetschten die Rucksäcke in viel zu kleine Gepäckablagen. Aber wir lernten die Menschen kennen, wie es uns sonst nicht möglich gewesen wäre. Wir sahen fliegende Händler zu- und aussteigen. Wir wohnten wahren Verkaufsveranstaltungen bei für Ernährungsbücher und Vitaminpillen. Ein Blinder sang Volkslieder in ein Megafon. Zur Begleitung spielte er Musik von einem kleinen Tonbandgerät ein. Nichts davon hätten wir im klimatisierten Tica-Bus erlebt.

 

Die Fotos für diesen Post entstanden am Busterminal in Antigua, Guatemala.