Where the Streets Have No Name

Am Morgen zahlte ich zwölf Dollar und schulterte meinen Rucksack. Ich ließ mir den Weg zu einem Café beschreiben, in dem ich frühstücken wollte, und weil die Straßen hier keine Namen trugen, sagte meine Wirtin, ich solle zwei Blocks geradeaus laufen und dann einen Block nach links. Es sei nicht weit.

Hinter mir fiel das Metalltor zu. Ich machte ein paar Schritte und überlegte, wie zuverlässig die Wegbeschreibung wohl sein mochte. Die Häuser in diesem Stadtviertel waren ziemlich heruntergekommen. Im Rinnstein sammelte sich der Müll. Mit meiner hellen Haut und dem schweren Gepäck fühlte ich mich wie ein Fremdkörper in dieser Stadt, und ich war ja auch einer. Jeder konnte es sehen. 

Ich musterte alle, die mir begegneten, und versuchte abzuschätzen, ob sie darauf aus waren, einen Chele, wie die Weißen in Nicaragua genannt werden, um ein paar Dollar zu erleichtern. Es kam mir jetzt auch der Gedanke, dass es wohl nicht besonders schlau war, alle Wertsachen in den kleinen Tagesrucksack zu packen. Das mochte im Flugzeug sinnvoll gewesen sein, aber hier hätte ihn mir jeder Dieb einfach aus der Hand reißen und türmen können. Mit meinem großen Rucksack auf dem Rücken war ich so beweglich wie eine Schildkröte am Strand.

An der ersten Straßenecke passierte ich die Tica-Bus-Station, wo die Überlandbusse abfuhren. Der Busbahnhof war von einer vielleicht zweieinhalb Meter hohen Wand zur Straße hin abgeriegelt. An der zweiten Ecke stand eine Ruine. Die Gegend sah aus wie ein verlassenes Gewerbegebiet, dessen Mieter einer nach dem anderen in die Insolvenz gegangen waren. Ich bezweifelte, dass sich hier ein Frühstücksafé befinden würde. Trotzdem hielt ich mich strikt an die Wegbeschreibung und bog links ab. An der nächsten Ecke sah ich tatsächlich das Café. Es war ähnlich vergittert wie das Hostel, aber ohne Kette und Vorhängeschloss. Ich bestellte ein Omelett mit Bohnen und Toast.

Dann lief ich zurück zur Busstation und pflückte ein Taxi von der Straße, das mich zum Flughafen bringen sollte. Später las ich auf der Website des Auswärtigen Amtes:

„Auch in touristischen Zonen … kommt es immer wieder zu bewaffneten Raubüberfällen, ebenso in der Umgebung des Busbahnhofes der Firma TICABUS in Managua im Stadtviertel Martha Quezada.“

Und weiter:

„Es wird davon abgeraten, Taxis am Straßenrand heranzuwinken. Auch bei Tageslicht oder für Gruppenreisende sind Taxis kein sicheres Verkehrsmittel. Vorsicht ist geboten, wenn sympathische Unbekannte, oft auch jüngere Frauen, anbieten, gemeinsam ein (angeblich vertrauenswürdiges) Taxi oder anderes Privat-Kfz zu nehmen. Dies ist ein bekannter Trick von Taxiräuber-Banden.“

Wir rasten mit 90 Kilometern in der Stunde durch Managua. Der Taxifahrer hatte es heute offenbar besonders eilig und war überdies kurz angebunden. Die sympathische Unbekannte wäre bestimmt gesprächiger gewesen.