Zwölf Dollar für einen Stempel

Teure Stempel: Bei Ein- oder Ausreise fallen oft Gebühren an

Was haben wir für Horrorgeschichten über die Grenzen in Lateinamerika gehört: Stundenlanges Warten, zermürbende Bürokratie, korrupte Zöllner. Reisende wie Matt – ein Amerikaner, den wir in Managua trafen – buchen deswegen einen teuren, aber komfortablen Überlandbus. Dann können sie in ihren Schlafsesseln liegen bleiben, während der Fahrer draußen den Papierkram erledigt. Wir haben uns entschieden, mit lokalen Bussen zu reisen – und selbst zu sehen, wie wir über die Grenzen kommen.

Peñas Blancas, der Grenzübergang zwischen Costa Rica und Nicaragua. Als unser Bus zum Stehen kommt und der Fahrer die Türen öffnet, hebt draußen ein Lärm an wie in einem Taubenverschlag. Hinter einem Maschendrahtzaun haben sich Geldwechsler in Position gebracht, vor der Sonne geschützt durch aufgespannte Plastikplanen. Sie schreien sich die Seele aus dem Leib: Córdobas! Dollares! Amigo! Cambio! Amigo!

Wir sind in einem Bus voller nicaraguanischer Gastarbeiter angereist, die ihr Geld in Costa Rica verdienen und jetzt heimfahren. Man hatte uns vor diesem Bus gewarnt, eindringlich wie nie. In unserem Hostel in San José, der Hauptstadt von Costa Rica, redeten die beiden Besitzer, Karlis und Ron, bestimmt zwanzig Minuten lang auf uns ein. Wir sollten unter keinen Umständen mit einem anderen Bus als Tica Bus oder Transnica fahren. Das sind die klimatisierten Luxusliner. Alles andere sei viel zu gefährlich. Ich sagte den beiden, dass wir bereits seit drei Monaten in Chicken Buses unterwegs seien, aber das ließen sie nicht gelten. Er sei mit Bussen durch ganz Indien gefahren, sagte Ron, aber das hier, das sei der Wahnsinn.

Grenze zwischen El Salvador und Guatemala

Ich fragte, was falsch sei an nicaraguanischen Gastarbeitern, schließlich hatten wir ja Nicaragua schon drei Wochen lang bereist und wollten jetzt bloß zurück nach Managua, um unseren Rückflug nach Frankfurt anzutreten. Diese Leute, sagte Ron, seien so arm, die schreckten vor gar nichts zurück.

Dass unsere Mitfahrer uns vor den Augen weiterer fünfzig Fahrgäste ein Messer an den Hals halten würden, das konnten wir uns nun aber wirklich nicht vorstellen. Und mit Taschendieben rechneten wir sowieso überall in Zentralamerika. Wir entschieden uns also für den Gastarbeiter-Bus der Firma „Transportes Deldú“, und es passierte uns – nichts. Ein Fahrschein kostete bloß zehn Dollar. Der Bus verließ den Terminal in San José um 7 Uhr morgens, fuhr direkt zur Grenze und entließ uns fünf Stunden später in die Mittagshitze von Peñas Blancas.

Nicaraguanische Córdobas hatten wir noch in der Tasche, daher keinen Bedarf an Feilschereien am Maschendrahtzaun. Wir holten uns die Standardformulare für Grenzübertritte innerhalb Zentralamerika und reihten uns in die Schlange. Sie war lang. Peñas Blancas ist mit Abstand der größte Grenzübergang zwischen Costa Rica und Nicaragua, eine riesige Anlage. Praktisch der ganze Straßenverkehr zwischen Süd- und Nordamerika muss durch dieses Nadelöhr.

Aber die Prozedur war mittlerweile Routine. Wir hatten auf dieser Reise schon sieben Grenzen überquert, und diese war nur eine weitere. Ausreisestempel holen. Ein paar hundert Meter weiter laufen. Taschenkontrolle. Wir mussten nichts herzeigen, wurden durchgewunken. Wieder ein paar hundert Meter laufen. Auf der nicaraguanischen Seite einen Dollar Gebühr für die Gemeinde entrichten, die sich längst an der Abzocke der Touristen beteiligt. Dann die Einreisegebühr für Nicaragua bezahlen. Zwölf Dollar pro Person. Für einen Stempelabdruck. Pass zurück, geschafft!

Zwischen wartenden Lastwagen hindurch, ein letztes Mal den Pass vorzeigen und durch einen Zaun. Wir waren jetzt in Nicaragua, und auch hier stürmen sie sofort wieder auf uns ein. Diesmal die Taxifahrer. Amigo! Taxi! Buen precio! Amigo! A donde van? Wir wollten nach Ometepe, auf die Vulkaninsel im Lago de Nicaragua. Unser Weg führte über die kleine Stadt Rivas, aber die listigen Taxifahrer behaupteten einfach, es führe kein Bus nach Rivas, nur einer nach Managua. Die üblichen taktischen Spielchen, die uns nurmehr ein müdes Lächeln entlocken konnten. Natürlich fuhren die Busse nach Managua auch über Rivas, sie warteten ein paar Meter weiter, fuhren ab, wenn sie voll waren, und kosteten den Bruchteil einer Taxifahrt.

Wir haben auf unserer Reise noch etliche weitere Grenzen überquert: von Nicaragua nach Honduras (Übergang Espino), von dort nach El Salvador (El Amatillo) und schließlich nach Guatemala (bei Las Chinamas). Später nach Mexiko (Las Champas). Es war nicht annähernd so spektakulär wie erwartet. Unser Gepäck wurde nie kontrolliert, wir haben selten länger als eine halbe Stunde gebraucht. In El Salvador wurden wir mit Handschlag begrüßt, in Panamá bekamen wir eine Broschüre in die Hand gedrückt, die uns die kostenlose Krankenversicherung für Touristen erklärte. Innerhalb von 30 Tagen nach Ankunft am Tocumen International Airport in Panamá City erhalten Ausländer eine kostenlose Behandlung, Krankenhausaufenthalt eingeschlossen.

Allerdings ist der Grenzübertritt – wie in Nicaragua – manchmal mit Gebühren verbunden. Die Einreise nach Honduras etwa kostete drei Dollar pro Person, die Ausreise über Land war kostenlos. Verlässt man Honduras hingegen mit dem Flieger, muss man tiefer in die Tasche greifen, viel tiefer. Auf meinem Flug von Roatán nach Managua musste ich am Abflughafen zunächst 38,71 USD „airport tax“ berappen – und bar zahlen. Dazu kamen noch drei Dollar Touristensteuer. Bei der Einreise nach Nicaragua wurden dann wieder zehn Dollar fällig. Als wir von Cancún, Mexiko, nach Panama flogen, war die Ausreisegebühr schon in den Ticketpreis eingerechnet. Eleganter kann man Reisende nicht schröpfen. Aber es ging zumindest immer korrekt zu. Fast immer.

Bei der Ausreise aus Panama in Richtung Costa Rica nahmen uns die panamaischen Grenzbeamte jeweils drei Dollar ab, und ich fragte mich hier zum ersten Mal, ob das mit rechten Dingen zuging. Ich hatte von dieser Gebühr nichts gelesen, und an der Grenze hing überdies ein Schild:

IMPORTANT INFORMATION
FOR ALL FOREING (sic!) IN TRANSIT TO OR FROM PANAMA, THE NATIONAL MIGRATION SERVICE AT GUABITO, BOCAS DEL TORO PROVINCE, DO NOT CHARGE FOR ANY SERVICE PROVIDE (sic!) TO ENTER OR LEAVE THE COUNTRY. PLEASE REPORT ANY UNUSUAL SITUATION TO THE AUTHORITIES OF SECURITY.

Das Wort „not“ in „do not charge“ hatte jemand per Hand durchgestrichen – verdächtig. Andererseits bekamen wir für die drei Dollar zwar keine Quittung, aber eine kleine Plakette in den Pass geklebt. Das sah nun wieder irgendwie offiziell aus. Wir hatten es überdies eilig weiterzukommen und noch ein paar Stunden Busfahrt vor uns. Unser Ärger über die drei Dollar verflog schneller, als wir die Telefonnummer hätten anrufen können, die auf dem Schild noch genannt war: 759-7940.